Lerntypen, Gehirnhälften und andere Halbwahrheiten
Die angenehme Ordnung im Kopf
Ob visuell, auditiv oder durch Bewegung: Lerntypen versprechen eine einfache Erklärung dafür, warum jemand im Unterricht gut oder schlecht vorankommt. Die Forschung stützt jedoch nicht die Behauptung, dass Menschen Inhalte grundsätzlich besser behalten, wenn die Darbietung ihrem persönlichen Typ entspricht. Menschen haben Vorlieben, Erfahrungen und unterschiedliche Vorkenntnisse. Daraus folgt aber keine feste Lernschublade. Wer sich als „auditiver Lerner“ versteht, übt womöglich weniger mit Texten, obwohl Lesen für den konkreten Stoff sinnvoll wäre.
Wenn die linke Gehirnhälfte angeblich rechnet
Auch die Rede von der linken und rechten Gehirnhälfte klingt eingängig: hier Logik und Sprache, dort Kreativität und Gefühle. Tatsächlich arbeiten Hirnregionen bei anspruchsvollen Aufgaben zusammen; die beiden Hälften sind keine getrennten Persönlichkeiten. Eine Seite kann bei bestimmten Vorgängen eine stärkere Rolle spielen, doch daraus lassen sich keine verlässlichen Charakter- oder Bildungstypen ableiten. Dass Psychotests solche Etiketten nicht als Tatsachen behandeln sollten, zeigt, wie vorsichtig schon eine kurze Selbstauskunft eingeordnet werden muss.
Was sich in Untersuchungen nicht bestätigt
Zu den hartnäckigen Halbwahrheiten gehören außerdem die Vorstellung, jeder Mensch nutze nur einen kleinen Teil seines Gehirns, und die Annahme, eine einzelne Methode passe für alle Aufgaben eines Fachs. Beides verwechselt eine Metapher mit einer überprüften Aussage. Lernen hängt unter anderem davon ab, was bereits bekannt ist, wie komplex der Stoff ist, wie Rückmeldung erfolgt und ob Gelegenheit zum Üben besteht. Eine farbige Übersicht kann nützlich sein, ohne dass daraus ein „visueller Typ“ folgt.
Selbsttests zwischen Orientierung und Scheingenauigkeit
Im deutschsprachigen Netz werden wissenschaftlich angelehnte Fragebogen neben ausdrücklich spielerischen Typentests angeboten. Ein sorgfältig gekennzeichnetes Verfahren nennt, woran es sich anlehnt und was es erfasst; ein Spaßtest bleibt Unterhaltung und besitzt keine fachliche Aussagekraft. Ein Fragebogen zu Belastung, Angst, Schlaf oder Persönlichkeit ist ein Screening: Er ordnet eine Selbsteinschätzung, untersucht aber weder Vorgeschichte noch Lebensumstände und stellt keine Diagnose. Ein auffälliges Ergebnis beweist nichts, ein unauffälliges schließt nichts aus. Wer sich belastet fühlt, sollte deshalb auch bei unspektakulärem Ergebnis mit einer Fachperson sprechen. Bei anhaltender Belastung sind die Hausarztpraxis, die Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigungen oder Kammern, die Terminservicestelle sowie Beratungsstellen mögliche Anlaufstellen.
Was im Unterricht stattdessen trägt
Hilfreicher als die Suche nach dem passenden Typ ist eine vielseitige Gestaltung: Erklärungen werden verständlich aufgebaut, Beispiele mit dem Grundgedanken verbunden, und Lernende wenden das Wissen selbst an. Kurze Rückfragen zeigen, ob wirklich verstanden wurde oder nur ein vertrautes Bild wiedererkannt wird. Lehrkräfte und Weiterbildende müssen dabei keine Gehirnhälften sortieren. Sie können beobachten, an welcher Stelle eine Aufgabe scheitert, und die Unterstützung dort verändern.
- Vorlieben nicht mit festen Lernfähigkeiten verwechseln
- Typenbegriffe als Hypothese, nicht als Eigenschaft behandeln
- Aufgabe, Vorwissen und Rückmeldung gemeinsam betrachten
- Bei Kindern keine Etiketten aus Tests oder Unterrichtseindrücken bilden
- Fachliche Hilfe nicht durch eine Selbstauskunft ersetzen